Erlebte Geschichte in Warendorf
Die Flussbadeanstalt in Warendorf
von Eugenie Haunhorst

 

 

„So läuft sie denn seit Jahrhunderten durch das weite Land, die gute alte Ems. Auch an der Stadt Warendorf fließt sie vorüber und hat immer regen Anteil am Leben der Stadt genommen. Ja, sie prägte unser Stadtbild.“ So schrieb Paula Telker, Tochter des ersten Bademeisters Josef Telker.

Die Ems bot früher den Bewohnern der Stadt Warendorf die einzige Möglichkeit, sich an heißen Tagen durch ein kühles Bad zu erfrischen. Baden oder sogar schwimmen im Fluss war jedoch sehr gefährlich, denn die Untiefen der Ems wechselten nach jedem Hochwasser.
Auch Kahnpartien waren sehr beliebt. So starteten 1882 einige junge Männer zu einer Bootsfahrt von Warendorf nach Telgte. Es ging um eine Wette. Nach 3,5 Stunden hatten sie Telgte erreicht und die Wette gewonnen. Beim Gang durch die Stadt erblickten sie ein Schild mit der Aufschrift:
„Aktion Badeanstalt Telgte“ Man war begeistert von der Idee. Was die Telgter können, müsste den Warendorfern auch gelingen. Es wurde viel diskutiert, dafür und dagegen. Ein ganz Altkluger meinte:

„ Jäe, jäe! Laot dat Water ut den Buuk un den Buuk ut dat Water“.
(Ja, ja, lass das Wasser aus dem Bauch und den Bauch aus dem Wasser.)

Heimatverein Warendorf: Die Warendorfer Flussbadeanstalt 1886Der wohlgemeinte Rat wurde nicht befolgt. In der Stadt wohnte der Rentner Oskar Eylardi. Er war ein aufgeschlossener Mann und hatte für gemeinnützige Angelegenheiten ein offenes Ohr. Es gelang ihm eine „Warendorfer Badeanstalt AG“ zu gründen. So kam die Sache in Schwung.

Die Badeanstalt sollte in die Ems gebaut werden, oberhalb der Stadt an der Klosterpromenade in der Nähe des Bentheimer Turms, wo heute das Marienheim steht. Es wurde eine Floßbadeanstalt geplant, ein auf Tonnen schwimmender Bretteraufbau. Die Firma Ahmerkamp wurde mit den Bauarbeiten betraut. Am 13.Juni 1886 konnte die Floßbadeanstalt feierlich eröffnet werden.
Trotz aller Unkenrufe hieß es nun:

Laot dat Water ut den Buuk
un den Buuk ut dat Water.
De Düwel hal dat aolle Gequater!
Water von innen un buten hölt jung.
Harin in de Iemse met frisken Sprung.
Doch miärk: Hier wet kien Undocht driewen,
süß wett ju dat Fell afriewen.

Lass das Wasser aus dem Bauch
und den Bauch aus dem Wasser.
Der Teufel hole das dumme Gerede.
Wasser von innen und außen hält jung.
Herein in die Ems mit frischem Sprung.
Doch merkt, hier wird kein Unsinn getrieben,
sonst wird Euch das Fell abgerieben.


So ging der Badebetrieb los. Josef Telker wurde erster Bademeister und sorgte für die nötige Ordnung und das Wohl seiner Badegäste. Seine Frau half ihm dabei. Herr Telker hatte während seiner Militärzeit bei den 13ern in Münster seine Schwimmmeister-Prüfung abgelegt. Vielen Warendorfern hat er die Schwimmkünste beigebracht.

Wie sah die Badeanstalt aus?
Sie schwamm auf Tonnen, die zwischen Balken festgehalten wurden. Das gesamte Floß war mit Ketten zu beiden Seiten am Ufer der Ems befestigt. Das Bassin war der Mittelpunkt der Anlage und wurde von den Ankleidezellen umgeben. Durch Holzgitter floss das Emswasser in das Bassin. Für die Freischwimmer öffnete sich an der Ostseite eine große Tür zur freien Ems. Rote Fähnchen am Ufer steckten die Grenzen für die Freischwimmer ab, wenn auch mancher Schwimmer in Versuchung kam, etwas weiter um die Ecke zu schwimmen.

Es gab neben dem großen Schwimmbecken noch einzelne kleine Badekabinen. Sie lagen am Ende des schwankenden Holzsteges. Da ein Badezimmer in der Wohnung noch eine große Seltenheit war, erfreuten sich die Badekabinen großer Beliebtheit. Meine Mutter hat mich als kleines Mädchen oft mitgenommen in dieses Reinigungs- und Erfrischungsbad. Der kleine Raum hatte bis zur Hälfte einen Bretterboden mit einer Sitzbank, auf der man auch die Kleider ablegte. Über eine steile Leiter stieg man in das Emswasser und stand auf einem Holzboden. Frisches Wasser floss ständig durch die Holzlatten. Beim ersten Mal rutschte ich auf dem glatten Holz aus und lernte das Wasser von unten kennen. Mutter zog mich schnell hoch. Der Schrecken war groß, konnte aber meine Freude am Plantschen im Wasser nicht trüben. Vergessen habe ich diesen Schreck nie.

Die Badezeiten waren streng geregelt. Herren- und Damenbaden wechselten sich ab.
Die Badefreudigkeit der Jugend war besonders groß. Die Mädchen durften von 2 bis 4 Uhr baden, von 4 bis 6 Uhr waren die Jungen an der Reihe. Schon lange vor 2 Uhr standen wir Mädchen vor dem verschlossenen Badeanstaltstor in der Promenade, bis der Bademeister mit dem Schlüssel kam. Wenn Vater Telker oder auch seine Frau in Sicht waren, teilte sich die Mädchenschar und bildete eine Gasse. Frau Telker war immer dunkel gekleidet, trug einen langen Rock und mit einer Schürze. In unseren Augen war sie eine sehr alte Frau. Am Arm hatte sie ein Körbchen mit der Kaffee-Mahlzeit.
Wie der Sturmwind sausten wir in die Umkleidekabinen und dann ins Wasser. Wir wollten keine Minute vergeuden. Zwei Stunden vergingen schnell.
Heimatverein Warendorf: Spielplatz der Warendorfer Flussbadeanstalt um 1920Die meisten Kinder lernten Schwimmen ohne offizielle Anleitung. Es gehörte einfach dazu wie das Radfahren. Unserem Vater - er war Lehrer an der Münsterwallschule - war es aber eine wichtige Aufgabe, den Schülern im dritten und vierten Schuljahr das Schwimmen beizubringen. Die Warendorfer Kinder spielten nämlich gern in der Nähe der Ems, und leider ertranken immer wieder Kinder in dem tückischen Fluss. Die wechselnden Tiefen der Ems waren eine große Gefahr für die Nichtschwimmer.
Im Sommer wurde die Sportstunde ins Freibad verlegt. Vater trug dann einen ganz modernen Badeanzug aus schwarzer Wolle, ähnlich wie ihn die Damen trugen, nur ein Träger wurde über die Schulter gelegt, der andere fiel locker herunter. So war es schick in den Zwanziger Jahren.
Der Aufbau der Floßbadeanstalt im Frühjahr und der Abbau im Herbst verursachten jedes Jahr große Kosten. Nach 40jährigem Betrieb der Floßbadeanstalt suchte man eine nicht so aufwändige Lösung.

Die neue Flussbadeanstalt
Am 14. April 1926 wurde die neue Flussbadeanstalt eröffnet. Bademeister Telker und seine Frau feierten gleichzeitig ihr 40-jähriges Dienstjubiläum. Ihnen war es zu verdanken, dass in all den Jahren kein Unglücksfall in der Emsbadeanstalt Heimatverein Warendorf: Warendorfer Flussbadeanstalt - Sprungbretter um 1926vorgekommen war.
In der neuen Badeanstalt waren die Ankleidezellen nun um eine Liege- und Spielwiese herum gebaut. Das Bassin wurde in das Ufer gemauert, nur die Emsseite hatte ein Holzgitter zum Einlass des Wassers. Mit einem dicken Seil war das Becken für Nichtschwimmer und Schwimmer geteilt, der Zementboden war entsprechend schräg gebaut.  Neben dem Becken führte eine Treppe in die freie Ems. Man musste einen Freischwimmschein vorweisen können, um in der „ freien Ems“ schwimmen zu dürfen. Die Freischwimmer durften auch die Sprungbretter benutzen und einen „ Köpper“ vom Ein-Meter-, Zwei-Meter- oder Drei-Meter-Brett machen. Mitten in der freien Ems lag ein langer, glatter Baumstamm verankert. Mit all diesen Möglichkeiten war das Baden ein großes Vergnügen für Jung und Alt.


Eine Neuerung sorgt für Unruhe in der Bevölkerung: Unsere Badeanstalt wurde zum Familienbad. Das Baden nach Geschlechtern getrennt hatte ein Ende. Jetzt konnten endlich die Familien gemeinsam zum Schwimmen gehen. An heißen Sommertagen gab es so Heimatverein Warendorf: Warendorfer Flussbadeanstalt 1926viele Badefreunde, dass auf der Liegewiese kaum ein freier Platz zu finden war. Sorgen machte die zunehmende Verschmutzung des Emswassers. In früheren Jahren konnten wir den Stein, nach dem wir tauchen wollten, auf dem Grund der Ems liegen sehen.
Bis 1933 sorgte das Ehepaar Telker für Ordnung in der Flussbadeanstalt, wegen des großen Andrangs mit Hilfe von Tom Schmillenkamp, der nach dem Tod von Josef Telker neuer Bademeister wurde.

In der Kriegs- und Nachkriegszeit wurde unser Freibad unter wechselnder Leitung geführt. Viele Warendorfer erinnern sich lebhaft an die Bademeister Bernhard Kieskemper, Lörchen und Otto Kamphans. Über 70 Jahre lang hat die Flussbadeanstalt vor allem der Warendorfer Jugend in den Sommermonaten viel Freizeitspaß gebracht. Die Ems lieferte unermüdlich und kostenlos frisches Wasser.

1956 war dann das Baden im Flusswasser nicht mehr zeitgemäß und die Flussbadeanstalt wurde geschlossen. Die Stadt Warendorf errichtete 1959 auf der anderen Emsseite ein modernes Freibad.

Den Mitgliedern der „Warendorfer Badeanstalt-Aktien-Gesellschaft“ ist es zu verdanken, dass Warendorf schon frühzeitig einen geregelten Badebetrieb hatte. Seit 1919 war Hermann Josef Brinkhaus ihr rühriger, langjähriger Vorsitzender.
Heimatverein Warendorf: Flussbadeanstalt - BadevergnügenErst 1936 übernahm die Stadt die Warendorfer Badeanstalt AG.
Die Warendorfer Bürger haben diesem tatkräftigen Vorstand auch die Einrichtung einer Warmwasser-Badeanstalt zu verdanken. Es gab damals in den Häusern nur wenige Badezimmer, darum war es wichtig, auch im Winter öffentliche Bademöglichkeiten anzubieten.

1909 wurde an das Wohnhaus der Familie Telker im Zuckertimpen 14 eine kleine Warmwasser - Badeanstalt angebaut. Die Anlage bot vier Wannenbäder und sechs Duschen an. Sie war ganzjährig geöffnet, außer im Hochsommer.
Mein Vater nahm oft ein Wannenbad, wir Kinder begnügten uns mit der Dusche, das war billiger.
Im Herbst 1936 wurde diese Einrichtung geschlossen. Die Stadt verlegte die Warmwasser-Badeanstalt in die Volksschule an der Klosterstraße. Bis in die 50er-Jahre wurde diese Einrichtung rege genutzt, gemeinsam mit der Jugendherberge, die auch im Keller der Schule untergebracht war.


 

Bilder: Archiv der Altstadtfreunde Warendorf

Eugenie Haunhorst wurde  als drittes von fünf Kindern am 12. 12. 1912 in Warendorf geboren. Ihre Eltern waren Eugenie und  Eduard Göcke, der als Lehrer an der Münsterwallschule tätig war.
alle Rechte vorbehalten: Eugenie Haunhorst 2006

   

Der Heimatverein Warendorf empfiehlt: Wanderung über die Hügel in Dackmar
von Norbert Funken


Karte: "Wandern im Münsterland" Hrsg.: Westfälischer Heimatbund

  

Die kleine Wanderung, die der Heimatverein für dieses Wochenende vorschlägt, dauert gerade mal eine Stunde und verläuft als Rundweg parallel zur Ems in der Bauerschaft Dackmar.

Die Anfahrt per Rad erfolgt über die Sassenberger Straße und den Tatenhausener Weg bis zum Wehr in Dackmar, mit dem PKW am besten über die B64 bis Vohren und über die K 18. Kurz vor dem Wehr befindet sich auf der rechten Seite am Waldrand ein Parkplatz. Ein großer Holzpfahl markiert den Anfang Ihrer Wanderung. So wird so gar nichts Besonderes aufzuweisen haben – sie ist einfach „nur“ schön!

Am Pfahl mit dem Hinweis auf Hügelgräber, die Sie sich aber sparen können, verläuft der Wanderweg X19. Der führt Sie zu einer markanten Naturkulisse: Wie Mangroven stehen hier Bäume auf ihren Wurzeln. Wind und Regen haben ihnen den Sand unter den „Füßen“ weggespült. Verlassen Sie den X19 und steigen Sie zwischen den Bäumen rechts den schmalen Weg hoch. Über zahlreiche Hügelchen geht es auf und ab durch den Wald, einen Graben zur Linken und dahinter ein Feld.

Auch bei einer Wegkreuzung geht es weiter geradeaus, bis Sie zur Straße gelangen, die zum Golfplatz führt. Folgen Sie hier nicht dem Wanderweg, sondern nutzen Sie rechts den Reitweg, der parallel zur Straße Richtung K18 führt. Kurz davor führt der Reitweg Sie nach rechts und nach 100 Metern dann doch zur Straße. Auf der anderen Seite geht es, etwas versetzt, auf einem kleinen Pfad weiter. Spätestens hier müssen Sie die Karte zur Hand nehmen, damit Sie nicht in dem verwirrenden Wegenetz die Orientierung verlieren. An der ersten Wegkreuzung gehen Sie auf den Baum mit dem roten E zu, an der zweiten geht es halblinks weiter. Der Waldpfad schlängelt sich nun in sanften Bögen Richtung Ems und Parkplatz. Es lohnt sich aber, wenn links das Eisengeländer einer kleinen Brücke sichtbar wird, den Weg kurz zu verlassen und einen Blick auf den munter fließenden Talgraben zu werfen. Zwei Gräben begleiten die Ems. Sie haben die Aufgabe, die Talaue, also das flache Land an den Seiten des Flusses, zu entwässern und bei einer Überschwemmung das Wasser schnell abzuleiten.  Erstaunlich ist, dass ihr ökologischer Zustand, die Wasserqualität und der Bewuchs, weitaus besser ist als der des Hauptflusses.

Auch zum Emswehr, das den Wasserstand des Flusses reguliert, lohnt sich der kleine Umweg. Die Stauanlage wurde 1949 nach einem verheerenden Hochwasser einige Jahre vorher erbaut und soll das Nutzland und die Stadt schützen. Nirgendwo an der Ems sieht man aber deutlicher die Folgen der Emsregulierung der Jahre 1933 bis 1939: Schnurgerade verläuft der „Kanal“ durch die Talaue, die der Fluss vorher in weiten Bögen durchflossen hat.

Auf dem seitlichen Reitweg gelangen Sie nach 100 Metern wieder zum Parkplatz.

 

Firma „H. Brinkhaus“  1879-2011
von Mechtild Wolff

 

Nach der Trennung von Eduard Wiemann gründete Hermann Josef Brinkhaus 1879 die Firma „H. Brinkhaus“ und baute auf der Emsbleiche am nördlichen Emsufer die neuen Fabrikgebäude. Brinkhaus kaufte moderne Webstühle und die neuartige Gasbeleuchtung sorgte für gleichmä-ßiges Licht. Es klapperten jetzt über 130 Web-stühle und die Belegschaft war auf über 100 Mitarbeiter angewachsen.

1885 starb Hermann Josef Brinkhaus im Alter von nur 66 Jahren. Seine beiden Söhne Hermann und Bernhard übernahmen die Geschäftsführung und hatten schnell Erweiterungspläne. Das war sehr schwierig, denn das Firmengelände lag im Überflutungsgebiet der Ems und durch das Gelände ging der Gelbe Kolk. So wurde 1897 ein Zweigwerk in Sassenberg und 1908 in Freckenhorst gebaut. Brinkhaus produzierte über 50 verschiedene Gewebearten. Wegen der großen Konkurrenz auf diesem Sektor spezialisierte sich die Firma 1911 auf Inlett. Damit begann der wirkliche Erfolg der Firma Brinkhaus.

Das neue Jahrhundert brachte viele gute Jahre, aber auch die beiden Weltkriege, die für eine Inlett-Firma besonders schwierig waren, denn hochwertige Baumwolle aus den USA und aus Ägypten war nicht zu bekommen. In den Wirtschaftswunderjahren nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte auch Brinkhaus ein enormes Wachstum, beschäftigte über 1000 Mit-arbeiter und wurde zu einem der bedeutendsten Inlett- und Bettenhersteller weltweit.

Die Firma Brinkhaus war ein Familienbetrieb, die Geschäfts-führung bestand fast ausschließ-lich aus Familienmitgliedern. Die Mitarbeiter hielten in guten und in schlechten Zeiten fest zusammen. „Brinkhäuser“,  arbeiteten hart, feierten aber auch tolle Betriebs-feste, Betriebsausflüge und Jubiläen miteinander. Für Stimmung sorgte die „Brinkhaus Kapelle“, die 1935 gegründet worden war. All das ist in der Werkzeitung „Ketting und Einschlag“ für die Nachwelt dokumentiert.

Umso schmerzlicher war es, dass auch Brinkhaus von der Konkurrenz in Fernost und China erdrückt wurde. 2011 ging die lange, sehr erfolgreiche Geschichte der Firma „H. Brinkhaus“ nach 132 Jahren zu Ende und mit ihr auch die Warendorfer Textilindustrie. Die Weberstadt Warendorf gibt es nicht mehr und viele Warendorfer Bürger wissen heute nicht, dass die Weberei über Jahrhunderte die Bürger dieser Stadt ernährt hat und Warendorf wegen des feinen „Warendorfer Linnens“ und des hervorragenden Inletts Weltruf hatte.

 

 

 

Warum sind die historischen Brinkhaus-Gebäude so wichtig für Warendorf?
von Mechtild Wolff (12. 1. 2021)

Der Heimatverein hat zusammen mit dem Arbeitskreis Emsinsel einen Antrag an den Bürgermeister und den Rat der Stadt gestellt, die historischen Gebäude der Firma Brinkhaus mit der Wagenhalle und dem Pförtnerhäuschen unter Denkmalschutz zu stellen. Warum ist das wichtig für Warendorf?

Warendorf hat Jahrhunderte lang von der Weberei gelebt und mit der Industrialisierung brachte die Textilindustrie Wohlstand in die Stadt und das Umland. 1879 baute Hermann Josef Brinkhaus seine Weberei direkt an die Ems - notgedrungen, denn Webereien brauchten Wasser. Dieser Firmenneubau wurde mit viel Sinn für Schönheit errichtet, gebaut von der Warendorfer Firma Carle´ mit Feldbrandsteinen aus Freckenhorst. Noch heute befindet sich im Giebel des historischen Bürogebäudes ein Sandstein mit der Jahreszahl 1879.

Ja, die Firma Brinkhaus suchte sich immer die besten Baumeister für ihre Firmenneubauten. So auch im Zweigwerk Freckenhorst,  das 1908 von dem bedeutenden Industriearchitekten Phillip Jakob Manz aus Stuttgart gebaut wurde. Bedauerlicherweise wurden die hochwertigen Freckenhorster Fabrikgebäude abgerissen und durch Aldi-Architektur ersetzt. Auch in Warendorf sollen jetzt die letzten Zeugen der textilen Vergangenheit unserer Stadt beseitigt werden.

 

Die Wagenhalle (links) und das Pförtnerhäuschen (rechtes Bild) der Firma Brinkhaus in Warendorf

 

Als die Firma Brinkhaus sich 1950 entschloss, für ihre LKW neue Garagen und für den Pförtner ein Häuschen am Fabrikeingang zu bauen, beauftragte die Geschäftsleitung den sehr angesehenen münsteraner Architekten Heinrich Bartmann mit der Planung.

 

Wer war dieser Heinrich Bartmann? (1898 - 1982)

Er war von 1945 bis 1948 Stadt-Baurat der Stadt Münster und somit an vorderster Front verantwortlich für den Wiederaufbau der völlig zerstörten Stadt. Auch damals schon fand der Kampf zwischen Tradition und Moderne statt. Die münsteraner Architekten wollten ihre eigenen Ideen bei der Gestaltung des Prinzipalmarkts verwirklichen und ihn mit modernen Gebäuden der angesagten Betonarchitektur bebauen. Der kluge Stadtbaumeister Heinrich Bartmann aber konnte sich mit seinen Vorstellungen durchsetzen, den Charakter Münsters zu wahren und den Prinzipalmarkt und anderer Innenstadtbereiche nach alten Vorbildern zu rekonstruieren. Ohne Heinrich Bartmanns ausgeprägten Sinn für Tradition und Schönheit hätte der Prinzipalmarkt seinen einmaligen Charakter wohl kaum erhalten können.

Als 1948 die grundlegenden Planungen zur Gestaltung der Stadt Münster nach seinen Plänen fertiggestellt waren, nahm er einen Ruf als Professor an der Technischen Hochschule Darmstadt an und widmete sich wieder seinem Beruf als Architekt, plante z.B. Fabrikgebäude und Kirchen und kam so auch nach Warendorf, um für die Firma Brinkhaus tätig zu werden. Sein Auftrag war, am nördlichen Eingang der Stadt eine Wagenhalle, also eigentlich nichts anderes als eine große, zweistöckige Garage für LKW und ein Pförtnerhäuschen zu bauen. Bartmann sah sofort seine Verantwortung, an dieser Stelle keine simplen Zweckbauten zu errichten, sondern eine für die historische Altstadt passende Eingangssituation zu schaffen. Es ist ihm gelungen, große Garagenhäuser zu errichten, die aber straßenseitig hinter zwei Wohneinheiten versteckt wurden. Um eine für die historische Innenstadt von Warendorf passende Eingangssituation zu schaffen, gestaltete er die beiden aus Backstein erbauten Wohneinheiten sehr aufwändig mit vorspringenden Treppenhäusern und Fenstereinfassungen aus Sandstein. Die Symmetrie des gesamten Baus ist sorgfältig abgestimmt auf das dahinter liegende Bürogebäude. Die Garagenhallen, die heute von der Feuerwehr genutzt werden, verschwinden im Hintergrund und sind nur vom Fabrikgelände aus zu sehen. Welch eine geniale Städtebaukunst zum Wohle eines stimmigen nördlichen Eingangs in unsere Stadt.

 

Es ist Gefahr im Verzug!

Nun wurde am 25.06.2020 von der damaligen Ratsmehrheit in der sog. „Warendorfer Position“ beschlossen, dass diese Gebäude abgerissen werden sollen, um Platz für ein modernes Hotel zu machen. Wird es ein Gewinn für unsere Stadt sein, einen modernen, wahrscheinlich beliebigen Stadteingang zu bekommen? Ist es verantwortbar, wichtige Zeitzeugen der 1950er Jahre abzureißen? „Das einzige weitere Gebäude in Warendorf aus dieser Zeit mit einem vergleichbaren Architekturwert ist das Theater am Wall. Beide Gebäude sind bei völlig unterschiedlicher Funktion im besten Sinne ihrer Zeit gemäß entstanden. Das Theater am Wall wurde aus diesem Grund unter Schutz gestellt, während die Wagenhalle bisher lediglich als erhaltenswert eingestuft wurde. Das dritte namhafte Bauwerk Warendorfs aus jener Zeit ist die Marktbrücke, die mit der benachbarten Wagenhalle und dem Pförtnerhaus nahezu als ein städtebauliches Ensemble angesehen werden kann.“ So beschreibt Klaus Ring sehr treffend die Situation.

2020: herausgerissene Fenster aus dem Bürogebäude Brinkhaus
 

Auch die unter Denkmalschutz stehende Fassade des historischen Bürogebäudes ist in Gefahr. Es wäre nicht das erste Mal, dass solch eine Fassade einstürzt, wenn erst einmal die stützenden Wände abgebrochen wurden. „Welch ein Pech!“ sagt man dann und kann stattdessen eine moderne und kostengünstigere Bauweise verwirklichen. Dass auch die historische Fassade dem Investor ein Dorn im Auge ist, konnte man Anfang 2020 sehen, als viele Fenster mutwillig und klammheimlich herausgerissen wurden und sich wochenlang niemand um den entstehenden Wasserschaden kümmerte. Erst als besorgte Bürger vehement protestierten wurde ein provisorischer Wetterschutz eingebaut.

Damit in Warendorf die letzten Spuren der Weber-Vergangenheit erhalten bleiben, hält der Heimatverein und der Arbeitskreis Emsinsel die Unterschutzstellung der historischen Gebäude der Firma Brinkhaus mit den Sheddach-Hallen von 1879 und der Wagenhalle und dem Pförtnerhaus für dringend geboten. Wir hoffen sehr, dass die Politiker zu einem Umdenken bereit sind und auch die Wagenhalle aus dem Versteck hinter der hohen Hecke hervorholen und durch eine neue Nutzung diesen Stadteingang wieder aufwerten.

Mechtild Wolff

Vorsitzende des Heimatvereins Warendorf

 

Bilder: Mechtild Wolff, Walter Suwelack (Brinkhaus Bürogebäude)

 

Brief an den Bürgermeister Herrn Horstmann  und Antrag des Heimatvereins Warendorf und des Arbeitskreises Emsinsel bezüglich der Zukunft der Emsinsel und des Emsseeparks

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Horstmann,

wie Ihnen ja bekannt ist, machen sich der Heimatverein und der AK Emsinsel große Sorgen, dass die Entwicklung auf der Emsinsel in eine für Warendorf schädliche Richtung läuft. Unsere Stadt hat Jahrhunderte lang von der Weberei gelebt und die Firma Brinkhaus hat Warendorf entscheidend geprägt. Die sog. „Warendorfer Position“ aus 2020 zeigt deutlich, dass nun alle Spuren der Textilgeschichte beseitigt werden sollen. Bedauerlicherweise steht auf dem Gelände Brinkhaus nur die Fassade des historischen Bürogebäudes von 1879 unter Denkmalschutz und wenn ich die Ereignisse des letzten Jahres richtig deute, wird bei der Neugestaltung der Emsinsel nur diese Fassade stehen bleiben. Dass sie schon jetzt dem Investor ein Dorn im Auge ist, konnte man Anfang 2020 sehen, als viele Fenster mutwillig und klammheimlich herausgerissen wurden und sich wochenlang niemand darum kümmerte – auch nicht unser Bauamt. Erst als Bürger vehement protestierten wurde ein provisorischer Wetterschutz eingebaut.

Leider müssen wir davon ausgehen, dass die Fassade bei den Bauarbeiten einen „Unfall“ erleiden wird und einstürzt und die Verantwortlichen sagen dann „schade“ und das Problem ist vom Tisch und einer unbehinderten „modernen“ und dadurch kostengünstigeren Bebauung steht nichts mehr im Wege.

Darum halten wir es für unbedingt erforderlich, dass sich die Stadt Warendorf für einen weitergehenden Denkmalschutz für die Fabrikgebäude und die Wagenhalle mit dem Pförtnerhäuschen – s. Antrag – einsetzt.

Das ist nicht im Sinne des Investors, das ist uns bekannt. Politik und Verwaltung sollten aber die Interessen unserer Stadt verfolgen und ich kann mir nicht vorstellen, dass unsere Bürger und die zahlreichen Touristen ein modernes Hotel an dieser Stelle als einen Gewinn für das Ambiente der historischen Altstadt ansehen. Warendorf wird dann beliebig. Die Vergangenheit lehrt uns, dass nur die Projekte, bei denen wir die historische Substanz mit neuem Leben gefüllt haben, von Erfolg gekrönt waren. Die Versuche, bei denen die „Moderne“ in die Altstadt einziehen sollte, sind samt und sonders gescheitert. Können die Entscheidungsträger einen erneuten Versuch mit gesichtsloser Bebauung an dieser so wichtigen Stelle verantworten?

In der Hoffnung auf ein Umdenken

und mit den besten Wünschen für ein erfolgreiches Jahr zum Wohle unserer schönen Stadt

grüßt Sie herzlich

Mechtild Wolff

Vorsitzende des Heimatvereins Warendorf e.V.

 

 

Der Antrag  des Heimatvereins Warendorf und des Arbeitskreises Emsinsel im Wortlaut:

Heimatverein Warendorf e.V.                                                                             5. 1. 2021
Arbeitskreis Emsinsel

 

 

 

An den Bürgermeister der Stadt Warendorf

Herrn Peter Horstmann

und an den Rat der Stadt Warendorf                                                                   

Lange Kesselstraße

48231 Warendorf

 

 

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Horstmann,

sehr geehrte Damen und Herren des Rates der Stadt Warendorf

 

Antrag:


Der Heimatverein Warendorf und der Arbeitskreis Neue Emsinsel beantragen, die historischen Firmengebäude der Firma Brinkhaus von 1879, Breuelweg 5 und die Wagenhalle mit dem Pförtnerhäuschen, Zwischen den Emsbrücken 2 in Warendorf, in die Denkmalliste der Stadt Warendorf einzutragen.

 

Historische Gebäude der Fa. Brinkhaus von 1879

und die Wagenhalle mit dem Pförtnerhäuschen von 1950

Zeichnung: Klaus Ring

 

 

 

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Horstmann,

sehr geehrte Damen und Herren des Rates,


im Jahr 1879 erbaute Hermann Josef Brinkhaus in der stadtnahen Emsaue, heute „Emsinsel“ genannt, die mechanische Weberei H. Brinkhaus. Diese Firma bestand bis 2011 und war der wichtigste Arbeitgeber in Warendorf. Die Firma Brinkhaus hat die Textilstadt Warendorf entscheidend geprägt.

Bis heute sind neben vielen neueren Produktionshallen auch die Bürogebäude von 1879 (die Fassade des Bürohauses steht unter Denkmalschutz) mit den Sheddach-Hallen erhalten. Dabei handelt es sich um Sheddächer, die mit viertelkreisförmigen Dachkonstruktionen abschließen und dadurch diesen Hallenräumen ein besonderes Flair verleihen.

Diese Firmengebäude sind die letzten Spuren der für Warendorf wichtigen Textilindustrie und stellen die letzten Zeitzeugen dieser Epoche in Warendorf dar. Die Fabrikgebäude der anderen Textilfirmen wurden ausnahmslos abgerissen.

Nun besteht auch bei der Firma Brinkhaus die Gefahr, dass die historische Bausubstanz abgerissen wird, um einer modernen Verwertung Platz zu machen. Das wäre ein großer Verlust für Warendorf, denn dann wären fast alle Spuren einer wichtigen Epoche in unserer Stadt verloren.

Unser Antrag auf Unterschutzstellung gilt für die historischen Gebäude von 1879 und für die Wagenhalle mit dem Pförtnerhäuschen (s. Zeichnung oben).

Die Wagenhalle, 1950 erbaut von dem Münsteraner Architekten Professor Heinrich Bartmann, ist als Industriedenkmal ein charakteristisches Gebäude ihrer Zeit von hohem Seltenheitswert und dokumentiert durch ihre ursprüngliche Funktion, ihre gestalterische Qualität, sowie ihren Standort vor der Firma Brinkhaus diesen für Warendorf bedeutendsten Textilindustriestandort in besonderer Weise. In unserer Stadt existiert mit Ausnahme des denkmalgeschützten Theaters am Wall kein vergleichbares Gebäude aus den 1950er Jahren. Die Wagenhalle mit dem Pförtnerhaus ist als erhaltenswert eingestuft.

Ein Abriss dieses Objektes wäre ein erheblicher Verlust für das städtebauliche Gefüge im nördlichen Eingangsbereich der Altstadt und stünde damit dem Anspruch der Stadt Warendorf als anerkannter Historischer Stadtkern eklatant entgegen.

Wir hoffen sehr, dass Sie unser Anliegen nachvollziehen können und unserem Antrag stattgeben.

 

 

Mit freundlichen Grüßen

Mechtild Wolff für den Heimatverein Warendorf e.V.

Sigfrid Krebse und Alfred Kiel für den Arbeitskreis Emsinsel

(zum AK Emsinsel gehören u.a.: Heimatverein Warendorf e. V.; Altstadtfreunde Warendorf e. V.; Kneipp–Verein Warendorf e.V.; BUND-Kreisgruppe Warendorf; NABU Kreisverband Warendorf und das Team Brinkhaus)

 

Interessantes und Aktuelles vom Heimatverein Warendorf

Unsere Bürgermeister:
Heinrich Kleine
Johann Caspar Schnösenberg
Wilhelm Diederichs
Hugo Ewringmann
Heinz Kreuzer
Lorenz Tewes

Wie waren das Abitur und die Schule vor 60 Jahren?
Erinnerungen an die „Schule von gestern“
1960 - 2020: 60 Jahre Abitur am Mariengymnasium Warendorf

Die Corona Pandemie hat Warendorf weiter fest im Griff: Bilder vom 7. 4. 20

Frühling 2020 in der Emsaue: Kanadagänse brüten in den Nestern der Fischreiher

Warendorf im Zeichen der Corona Epidemie

Plattdeutsch: Glücksiäligst Nie Jaohr

Warendorfer Weihnachtswäldchen

Überblick über die letzten Aktionen zum Erhalt und zur Weiterentwicklung des Emsseeparks im Zusammenhang mit der Sanierung der Industriebrache (Brinkhausgelände)

Ergebnisse des Moderationsprozesses zur Entwicklung der Industriebrache auf der Emsinsel

Rettet den Emspark! 130 alte Bäume dürfen nicht gefällt werden!

Baumzählung des Heimatvereins und des AK Emsinsel

Plattdeutsch: Nen vullet  Ächterstüöwken

Hände weg vom Emsseepark! Sollen 130 alte Bäume gefällt werden?

2. Mahnwache des Heimatvereins und des AK Emsinsel

Bilder von der 2. Demonstration am 9. 9. 2019

Rede von Frau Mechtild Wolff auf der 2. Demonstration gegen die Zerstörung des Emsseeparks.

Hände weg vom Emsseepark!

Mahnwache de Heimatvereins und des AK Emsinsel

Bilder der machtvollen Demonstration für den Erhalt der Emsinsel und gegen deren Bebauung

Aufruf des Heimatvereins Warendorf an alle Warendorfer:
Helft uns, den Emspark zu retten!