In
den Jahren 1925 bis 1930 bescherte uns der anhaltende Frost sehr kalte
Winter. 1927 und 1928 war sogar die Ems zugefroren und trug über Wochen
eine dicke, solide Eisdecke – ideal für uns zum Schlittschuh laufen.
Ungeduldig erwarteten wir auf das Ende des Unterrichts. Mutter
wusste, dass wir schnell aufs Eis wollten und das Mittagessen stand bei
unserer Ankunft zu Hause dampfend auf dem Tisch. Nach der Stärkung zogen
wir unter unseren Faltenrock dicke, wollene Strümpfe an, dazu zwei bis
drei Strickpullover, einen dicken Schal, eine warme Mütze und
handgestrickte Fausthandschuhe. Lange Hosen und dicke Jacken waren für
uns Mädchen noch nicht erfunden. Heute wundere ich mich, dass wir bei
der klirrenden Kälte nicht gefroren haben.

Die flotten Schlittschuhläuferinnen mit bunten Pullovern und langen
Zöpfen, Eugenie oben links
An einem Lederriemen trugen wir die beiden klimpernden
Schlittschuhe durch die sonnige Winterluft zur Ems. Wir setzten uns auf
das alte Waschbrett bei Wulf und schnallten unsere Schlittschuhe unter
unsere normalen Straßenschuhe. Einen extra Schuh mit festgemachtem
Schlittschuh kannte man noch nicht. Wie gut, dass Mutter uns zu Anfang
des Winters feste, hohe Schuhe gekauft hatte, die waren ideal zum
Schlittschuh laufen. Mit dem Schlittschuhschlüssel wurde der eiserne
Schlittschuh mit den Krampen am Absatz und vorne an der breitesten
Stelle des Schuhes fest angeschraubt. Mit zwei Lederriemen um den
Knöchel und um den Fuß wurde die Sicherheit erhöht. Beim Anschnallen
beeilten wir uns immer sehr, denn sonst wurde es uns zu kalt auf dem
eisigen Brett. Hier an der Emsbrücke starteten alle Schlittschuhläufer,
die in Richtung Osten fahren wollten. Auf der westlichen Seite der
Brücke lagen das Wehr und das städtische Elektrizitätswerk. Das
herunterfallende Wasser wurde zur Stromerzeugung gebraucht. Am Wehr war
natürlich kein festes Eis.

Die großbürgerlichen Töchter mit Mantel und die Gymnasiasten mit
Schülermütze
Mit einem tiefen Schritt gelangten wir auf die feste
Eisdecke unserer Ems. Wir zogen die ersten Versuchskurven, dann ging es
los gen Osten. Die zugefrorene Ems hatte nicht überall eine glatte
Eisfläche, wir mussten gut aufpassen. Wir fuhren vorbei an Cordes,
Lohmanns und an der Quabbe mit dem Bentheimer Turm. An der Stelle, wo
sich im Sommer die Badeanstalt befand, war eine große Freifläche
entstanden. Hier trafen wir uns mit unseren Freunden und Freundinnen,
denn der Platz war ideal zum Laufen von größeren Kurven, zum Paarlaufen
und Figuren üben. In den Verschnaufpausen wurde getratscht und viel
gelacht und genau beobachtet, wo sich neue Freundschaften anbahnten. An
dieser Stelle traf sich auch die Gruppe der Unermüdlichen, die die Ems
aufwärts in Richtung Vohren laufen wollte, vorbei an der Herrlichkeit
bis zu Bauer Sechelmann. Eine herrliche Strecke durch die oft
verschneite Emslandschaft. Viel zu schnell wurde es dunkel und manchmal
konnten wir bei dem Wettlauf mit der Dämmerung ein wunderschönes
Abendrot genießen.

Lustige Verschnaufpause
In nicht so kalten Wintern boten sich der Emskamp,
die Glockenkuhle und der dritte Emsarm mit ihrer festen Eisdecke an.
Ideal war die Krankenwiese, heute Lohwall genannt. Vor der Begradigung
der Ems war diese große Fläche oft lange Zeit überflutet. Wenn die
Wasserfläche ohne Wind, also auch ohne Windeis, glatt zugefroren war,
entstand hier eine ideale Eislauffläche. Da unter dem Eis nur etwa 20 cm
Wasser auf den Wiesen stand, war die Fläche schnell zugefroren. Ein
Einbrechen in tiefes, kaltes Wasser und eventuelles Ertrinken stellte
hier keine Gefahr dar.
In der Verwaltungsspitze im Rathaus gab es auch Freunde des
Eislaufens. Nur leider endete die Dienstzeit erst, wenn es schon dunkel
war. Der Bürgermeister hatte eine gute Idee und gute Ideen müssen
schnell umgesetzt werden. Auf seine Order hin wurden am Weg an der Ems
entlang und auf der Eisfläche der Krankenwiese einige Scheinwerfer
aufgestellt. Die angestrahlte Eisfläche mit dem Panorama der Stadt im
Hintergrund war zauberhaft, schöner ging es nicht. Nicht nur
Jugendliche, auch viele Warendorfer Bürger sah man nun allabendlich mit
großer Begeisterung im Scheinwerferlicht Schlittschuh laufen.
Wer sich nicht auf das glatte Eis traute, genoss die
wunderschöne Atmosphäre bei einem Abendbummel.

Die Autorin Eugenie Haunhorst geb. Göcke
wurde 1912 in Warendorf geboren und wuchs in
einer Lehrerfamilie mit vier Geschwistern auf.
Im Alter von 90 Jahren begann sie, Erinnerungen
aus ihrem Leben im Warendorf der 1920er Jahre
aufzuschreiben. Sie starb 2016 im Alter von 103
Jahren.