Erlebte Geschichte in Warendorf:
Eugenie Haunhorst-Göcke erinnert sich an ihre Jugend in Warendorf
Schlittschuhlaufen auf der Ems
von Eugenie Haunhorst

Eugenie als Schülerin 1921In den Jahren 1925 bis 1930 bescherte uns der anhaltende Frost sehr kalte Winter. 1927 und 1928 war sogar die Ems zugefroren und trug über Wochen eine dicke, solide Eisdecke – ideal für uns zum Schlittschuh laufen.

Ungeduldig erwarteten wir auf das Ende des Unterrichts. Mutter wusste, dass wir schnell aufs Eis wollten und das Mittagessen stand bei unserer Ankunft zu Hause dampfend auf dem Tisch. Nach der Stärkung zogen wir unter unseren Faltenrock dicke, wollene Strümpfe an, dazu zwei bis drei Strickpullover, einen dicken Schal, eine warme Mütze und handgestrickte Fausthandschuhe. Lange Hosen und dicke Jacken waren für uns Mädchen noch nicht erfunden. Heute wundere ich mich, dass wir bei der klirrenden Kälte nicht gefroren haben.


Die flotten Schlittschuhläuferinnen mit bunten Pullovern und langen Zöpfen, Eugenie oben links

 
An einem Lederriemen trugen wir die beiden klimpernden Schlittschuhe durch die sonnige Winterluft zur Ems. Wir setzten uns auf das alte Waschbrett bei Wulf und schnallten unsere Schlittschuhe unter unsere normalen Straßenschuhe. Einen extra Schuh mit festgemachtem Schlittschuh kannte man noch nicht. Wie gut, dass Mutter uns zu Anfang des Winters feste, hohe Schuhe gekauft hatte, die waren ideal zum Schlittschuh laufen. Mit dem Schlittschuhschlüssel wurde der eiserne Schlittschuh mit den Krampen am Absatz und vorne an der breitesten Stelle des Schuhes fest angeschraubt. Mit zwei Lederriemen um den Knöchel und um den Fuß wurde die Sicherheit erhöht. Beim Anschnallen beeilten wir uns immer sehr, denn sonst wurde es uns zu kalt auf dem eisigen Brett. Hier an der Emsbrücke starteten alle Schlittschuhläufer, die in Richtung Osten fahren wollten. Auf der westlichen Seite der Brücke lagen das Wehr und das städtische Elektrizitätswerk. Das herunterfallende Wasser wurde zur Stromerzeugung gebraucht. Am Wehr war natürlich kein festes Eis.


Die großbürgerlichen Töchter mit Mantel und die Gymnasiasten mit Schülermütze

  

Mit einem tiefen Schritt gelangten wir auf die feste Eisdecke unserer Ems. Wir zogen die ersten Versuchskurven, dann ging es los gen Osten. Die zugefrorene Ems hatte nicht überall eine glatte Eisfläche, wir mussten gut aufpassen. Wir fuhren vorbei an Cordes, Lohmanns und an der Quabbe mit dem Bentheimer Turm. An der Stelle, wo sich im Sommer die Badeanstalt befand, war eine große Freifläche entstanden. Hier trafen wir uns mit unseren Freunden und Freundinnen, denn der Platz war ideal zum Laufen von größeren Kurven, zum Paarlaufen und Figuren üben. In den Verschnaufpausen wurde getratscht und viel gelacht und genau beobachtet, wo sich neue Freundschaften anbahnten. An dieser Stelle traf sich auch die Gruppe der Unermüdlichen, die die Ems aufwärts in Richtung Vohren laufen wollte, vorbei an der Herrlichkeit bis zu Bauer Sechelmann. Eine herrliche Strecke durch die oft verschneite Emslandschaft. Viel zu schnell wurde es dunkel und manchmal konnten wir bei dem Wettlauf mit der Dämmerung ein wunderschönes Abendrot genießen.


Lustige Verschnaufpause

  

In nicht so kalten Wintern boten sich der Emskamp, die Glockenkuhle und der dritte Emsarm mit ihrer festen Eisdecke an. Ideal war die Krankenwiese, heute Lohwall genannt. Vor der Begradigung der Ems war diese große Fläche oft lange Zeit überflutet. Wenn die Wasserfläche ohne Wind, also auch ohne Windeis, glatt zugefroren war, entstand hier eine ideale Eislauffläche. Da unter dem Eis nur etwa 20 cm Wasser auf den Wiesen stand, war die Fläche schnell zugefroren. Ein Einbrechen in tiefes, kaltes Wasser und eventuelles Ertrinken stellte hier keine Gefahr dar.

In der Verwaltungsspitze im Rathaus gab es auch Freunde des Eislaufens. Nur leider endete die Dienstzeit erst, wenn es schon dunkel war. Der Bürgermeister hatte eine gute Idee und gute Ideen müssen schnell umgesetzt werden. Auf seine Order hin wurden am Weg an der Ems entlang und auf der Eisfläche der Krankenwiese einige Scheinwerfer aufgestellt. Die angestrahlte Eisfläche mit dem Panorama der Stadt im Hintergrund war zauberhaft, schöner ging es nicht. Nicht nur Jugendliche, auch viele Warendorfer Bürger sah man nun allabendlich mit großer Begeisterung im Scheinwerferlicht Schlittschuh laufen.

Wer sich nicht auf das glatte Eis traute, genoss die wunderschöne Atmosphäre bei einem Abendbummel.

 

Die Autorin Eugenie Haunhorst geb. Göcke wurde 1912 in Warendorf geboren und wuchs in einer Lehrerfamilie mit vier Geschwistern auf. Im Alter von 90 Jahren begann sie, Erinnerungen aus ihrem Leben im Warendorf der 1920er Jahre aufzuschreiben. Sie starb 2016 im Alter von 103 Jahren.

Startseite Stadtmuseum Kirchen Lexikon Erlebte Geschichte Archiv Impressum
Bilderbogen Gadem St. Laurentius Persönlichkeiten  Datenschutzerklärung
Video Tapetensaal St. Marien Straßennamen      Satzung
  Torschreiberhaus Christuskirche Mariä Himmelfahrt     Mitglied werden
Haus Bispinck St. Joseph Karneval
    Affhüppenkapelle Fettmarkt      

Heimatverein Warendorf e. V., Vorsitzende: Beatrix Fahlbusch, Düsternstraße 11, 48231 Warendorf, Tel: 02581 7 89 59 03       
E-Mail: vorstand@heimatvereinwarendorf.de
Copyright: Heimatverein Warendorf (C) 2005 -2025 (Impressum und Datenschutzerklärung)
 Mitglied werden